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18. Oktober 2010

Samstag war ich auf der Straße, vom Morgen bis zum späten Nachmittag. Es war nass, ich habe gefroren, aber das musste sein. Gegen die dumpfen Glatzen, den rechten Pöbel. Das an sich war gut. Doch der Nachgeschmack ist schal. Denn der Anblick des traurigen Haufens Dumpfbacken, der sich dann irgendwann vor die Ostseite des Hauptbahnhofs traute, machte schlagartig wieder klar, dass die nur ein Alibi für die rechte Scheiße aus der Mitte sind, um darauf mit dem Finger zu zeigen, als Argument, man sei ja nicht so.

Die letzten Wochen zeigt der Deutsche wieder sein ekelhaftes Gesicht. Es findet verbale Ausgrenzung statt und die sogenannten aufrechten Demokraten gehen ganz vorne mit. Es wird von einer sogenannten „christlich-jüdischen“ Tradition gefaselt, um sich von den Muslimen abzugrenzen, auslassend, dass die „christlich-jüdische“ Tradition vor allem aus Jahrhunderten von Judendiskriminierung und -verfolgung besteht, die schlussendlich in die Shoa mündete. Tolle „Tradition“. Diese totale Geschichtsvergessenheit von höchster Stelle ist peinlich in einem Land, dass sich immer noch als Land der Dichter und Denker verstehen will. Es wird von einer Leitkultur fabuliert, die es so de facto nicht gibt und auch nie gab. Sie ist ein Hirngespinst, eine Konstruktion, um zu behaupten, es gäbe etwas in den Deutschen, das uns alle eint, mit dem unausgesprochenen Nebensatz, dass uns auch besser macht als die „Zugezogenen“. Und dann erst die Betonung des Christlichen. Gott, Jesus und der heilige Geist können mir mal gepflegt einen blasen, wo bitte muss ich meinen Pass abgeben?

Multikulti ist tot! tönen sie, die ach so toleranten Menschen aus der Mitte. „Die“ wollten ja nicht. Und gehen nach gehaltener Rede rüber zum Italiener, um den nächsten Blödsinn zu besprechen. Ich frage mich ja, was Mitbürger mit italienischem, vietnamesischem, polnischem oder russischem Kulturhintergrund davon halten. Mein Vater ist Pole. Ich kann mir denken, was er davon hält. Ich zumindest würde kotzen. Vielleicht sollte man hier lieber mal fragen, wer da eigentlich im Moment Multikulti aufkündigt.

Aber, aber! könnte man sagen, solche Sprüche hört man doch immer mal wieder, und das geht wieder vorbei. Ja! Stimmt! Aber das macht es erstens nicht besser und zweitens geht man dieses mal noch einen Schritt weiter. Die Unterstellungen fangen an. Es heißt, es gebe massive „Deutschenfeindlichkeit“ unter ausländischen Jugendlichen. Deutsche würden beschimpft und beleidigt werden. Weil sie Deutsche sind. Was wirklich dahinter steckt, ist bei solchen Unterstellungen immer egal, hauptsache man kann „die“ diskreditieren. Das hat vor 80 Jahren mal so ähnlich angefangen.

Und weil dieser Mist eben nicht nur bei den Stammtischen gut ankommt, sondern augenscheinlich eine breitere Zustimmung findet, werde ICH so langsam Deutschenfeindlich. Ja, ihr Scheissdeutschen habt Ressentiments, wie jeder Mensch auf dieser Welt. Aber ihr Scheissdeutschen solltet und müsst wissen, wo diese Ressentiments hinführen, wenn man sie füttert, nährt und das Handeln bestimmen lässt. Ob ihr Scheissdeutschen es hören wollt oder nicht. Eure Scheissdeutschenkultur, die Dichter und Denker, das christliche Weltbild, wo war das alles, als ihr mit eurer Scheissdeutschen Gründlichkeit Millionen getötet habt. Ihr Scheissdeutschen habt offensichtlich immer noch nichts gelernt. Bis ihr Scheissdeutschen euch wundert, wenn die Brandsätze wieder fliegen. Denn ihr seid ja nicht so wie die Glatze. Ihr seid der typische Scheissdeutsche. Von nichts gewußt und für nichts verantwortlich.

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Discussion about this post

  1. Jan-Philipp's Kumpel Claus sagt:

    Sehr schöne Zusammenfassung, Marcel!
    Findet sich quasi identisch – nur etwas wissenschaftlicher formuliert – auch hier wieder:
    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-10/rechtsextremismus?page=all

    Sollte man vielleicht mal an die bayerische Staatskanzlei faxen, hm?

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