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6. August 2011

Es hat einen Grund, warum ich die Smileys mag, die sich im Leipziger Süden auf diversen Servicekästen befinden, der über das angenehme Gefühl, wenn man sie sieht, hinaus geht. Er hat ein bisschen damit zu tun, wie der öffentliche Raum aussieht, wie er wirkt. Die Servicekästen stehen mitten im öffentlichen Raum. Direkt an Häusern, mitten auf Fußwegen, an Straßen und Grünflächen. Sie sind ohne Frage notwendig für unsere moderne Welt. Sie beherbergen Post, Strom, Fernsehkabel oder Telefonkabel, sind also wichtig für unser tägliches Leben. Aber sie sind unendlich hässlich.

Und mit der Zeit werden sie nicht schöner. Poster für Ü30 Parties hängen an ihnen. Tags und ähnliches „verzieren“ sie. Ja, auch ich kann auf „Floyd“-Tags oder „BSG CHEMIE“-Sprüche verzichten. Mit Verlaub, Servicekästen sehen scheiße aus, und jeder muß sie trotzdem mehr oder weniger jeden Tag sehen. Als dann die Smileys auf eben diesen Kästen erschienen war ich davon begeistert. Smileys sind ein universelles Symbol, mit dem im Grunde jeder etwas anfangen kann. Sie sind mehr als positiv konnotiert; sie sind daher angenehm für das Auge. Ich halte das für einen sehr kreativen und anregenden Umgang mit dem öffentlichen Raum. (Gesagtes trifft auch auf Zigarettenautomaten zu, dort habe ich auch schon einen gesehen.) Hauswände oder anderes privates Eigentum sind natürlich weniger nett, kommen bisher leider auch 3-4 Mal vor.

Dies alles hätte ich auch gerne dem LVZ Redakteur gesagt, wenn ich meinen Kopf in dem Gespräch besser genutzt hätte. Aber wie das eben so ist, die besten Dinge fallen einem immer hinterher ein. Vielleicht ist es also auch ein bisschen mein Fehler, dass der gestern erschienene Artikel in der Onlineausgabe unserer Lokalzeitung Leipziger Volkszeitung ein ordentlicher Facepalmenhain geworden ist. Allerdings, bevor ich ihn überhaupt gelesen hatte war ich schon positiv überrascht, denn der Artikel erschien im Kulturteil. Den Inhalt aber hatte ich erwartet.

Auslöser war die Verurteilung des Hamburger Sprayers, der Hamburg angeblich um bis zu 120.000 Smileys bereichert haben soll. So ist dann der Titel des Artikels in der LVZ (Kunst oder Sachbeschädigung…) auch eher irreführend, denn es geht eigentlich zu keinem Zeitpunkt darum, ob die Smileys Kunst sind (ich weiß auch nicht, ob sie Kunst sind, aber Gegenfrage: wie definiert man Kunst?) oder ob sie doch eine positive Wirkung im öffentlichen Raum haben, sondern nur darum, wie böse illegale Graffitis sind, welche Kosten sie verursachen und das illegales Sprayen ja quasi das Einstiegsverbrechen in eine Verbrecherkarriere ist. Oh ja und die Szene findet die Smileys natürlich auch doof. Eine ganz schlimme Grinsegesichter-Invasion (sic)!

Das „lustigste“ Zitat liess sich Thomas Kretzschmar (Leiter der Arbeitsgruppe Graffiti des Kriminalpräventiven Rates in Leipzig) entlocken. Wirklich erhellend:

Diejenigen die illegal sprühen, die schlagen auch, die klauen – reine Künstler findet man darunter nicht

Ach, ehrlich jetzt? Geht es noch platter und undifferenzierter? Klar Banksy ist bestimmt ein Ausnahmekünstler… aber hey, ist ja noch keiner vom Himmel gefallen. Auch lustig ist der Herr vom Graffitiverein, der illegales Sprayen natürlich auch ganz böse findet, der Herr Kretzschmar findet den Graffitiverein dafür dufte. Hauptsache alles schön ordentlich im Verein. Das die „Szene“ die Smileys angeblich ablehnt, ist am Ende ohnehin unerheblich.

Wichtig ist doch die Wirkung auf die Bewohner der Gegend, in der sich die Smileys befinden. Diese Frage stellt der Artikel auch: Gefallen die Smileys den Leipzigern so sehr, dass sie nichts gegen die Graffitis einzuwenden haben? Leider ohne sie zu beantworten, der Rest des Artikels impliziert, dass „die Leipziger“ sie wohl nicht mögen. Mehr aber auch nicht.

Aber darum geht es doch eigentlich. Wie wird etwas wie die Smileys rezipiert? Leider lässt der Artikel dies schlussendlich genauso unbeantwortet wie die Frage nach „Kunst im öffentlichen Raum“. Zumindest unter meinen Bekannten war bisher kein negativer Kommentar über Smileys zu hören, ganz im Gegenteil. Wobei das Sample zugegeben wahrscheinlich nicht das Ausgewogenste ist. Em Ende ist der Artikel in der LVZ nur ein Artikel der LVZ für das typische Publikum der LVZ. Zwar handwerklich okay, netter Redakteur der auch auf meinen Wunsch einging, anstatt dieses Blogs hier doch lieber direkt auf Tumblr zu verlinken. Aber eben doch tendenziös und wenig differenziert. (Von den Kommentaren ganz zu schweigen. Ekelhaft!).

Aber ich bin wie gesagt auch ein bisschen selbst schuld. Ich hätte meine obigen Gedanken doch klarer am Telefon äussern sollen. Schade. Aber wieder was gelernt.

P.S.: Ich bin kein Freund von Tagging und ähnlichem. Auch mag ich es nicht, wenn Hauswände etc. ungewollt „verschönert“ werden. Seit ein paar Wochen verziert ein Penis die Wand des Hauses, in dem ich wohne. Ehrlich, sowas muss nicht. (Ja ich sehe die Ironie.. epenis und so). Das ist aber kein Grund, nur undifferenziert alles abzulehnen, was das Thema Graffiti und Streetart betrifft.

P.P.S.: Das da oben ist ein böser Smiley… see what I did there?

Nachtrag: Ich hoffe ja, der oder diejenige macht weiter. Und lässt sich nicht erwischen.

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4 Discussion to this post

  1. Martin sagt:

    Sehr schöner Artikel. Hoffentlich lesen es die LVZ Typen… Aber so einfach ist unsere Welt. Graffiti ist böse und da wird eben nicht differenziert. Der Redakteur sollte mal zur Wall of Fame hinters Werk 2 gehen – da sieht er wie Graffiti auch aussehen kann.

    Aber wir leben ja in einer pauschalen Welt. Verallgemeinerung Deluxe.

  2. Marcel sagt:

    ist ja noch nicht mal auf papier gelandet ;)

  3. […] ePenis zitiert den „Leiter der Arbeitsgruppe Graffiti des Kriminalpräventiven Rates in Leipzig“ zu […]

  4. […] in den Medien. Die LVZ winkt zurzeit ja dermaßen offensiv mit dem Zaunpfahl in die regionale Blogosphäre, dass man schon meinen könnte, die versuchen einen viral zu unterwandern, um die Zahl der […]

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