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Der braune Rand

27. Mai 2006

Nach dem Angriff auf den deutschen [tag]Ermyas M.[/tag] (*) und spätestens seit den Äußerungen Heyes zu den [tag]No-Go Areas[/tag] ist es wieder omnipräsent im Tagesgeschehen, die hässliche Fratze des Fremdenhasses. Kein Tag ohne Meldung über eine erneute, fremdenfeindlich motivierte Straftat. Auch über angekündigte Nazi-Versammlungen wird wieder verstärkt berichtet. [tag]Heye[/tag], seiner Äußerung und auch den Reaktionen darauf ist schon genug Aufmerksamkeit geschenkt worden, nachzulesen in diversen Blogs – hier, da und auch oft woanders. Ich möchte hier nicht damit aufhalten, es sei gesagt, er hat nur das ausgesprochen, was eine stumme Mehrheit wahrscheinlich schon eine ganze Weile denkt, mich eingeschlossen.

Ich lenke meinen Blick in den letzten Tagen vielmehr auf unseren allgemeinen Umgang mit dem Thema Neonazis, unsere Geschichte und unser gefühltes Ansehen im Ausland. Ich bin noch immer auf diversen eSport-Communityseiten unterwegs und auf esreality besonders gerne. Die Seite ist international orientiert und hat eine Userbase, die sich über die gesamte Welt erstreckt. Dort gibt es die Möglichkeit, neben seinem Nickname auch eine Länderflagge oder ein anderes Symbol in Flaggenform einblenden zu lassen. Ein deutscher Benutzer wählte für sich die Flagge des deutschen Kaiserreiches (1871 – 1918). Wer diese nicht kennt – hier bei Wikipedia. Dazu muss man wissen, dass diese Flagge im allgemeinen von Neonazis genutzt wird, und auch im dritten Reich von 1933 – 1935 genutzt wurde.

Es entstand eine Diskussion, ob man diese Flagge denn überhaupt benutzen dürfe, oder ob sie nicht besser auf der Seite verboten gehöre. Diese Diskussion wurde von einem anderen deutschen User eingeleitet. Es kristallisierten sich 3 verschiedene Standpunkte heraus. Die eine Gruppe (ausnahmslos deutsche) war für ein Verbot der Flagge, aufgrund der Verbindungen zu Neonazis. Ich behielt einen gemäßigten Standpunkt und war gegen ein Verbot, wollte aber, dass die Leute schon über die Hintergründe bescheid wissen sollten. Die dritte Gruppe (alles keine Deutschen) war gegen ein Verbot, mit diversen Argumenten:

  • Es zählt am Ende, wie sich die Person verhält, nicht welche Implikationen die Flagge neben seinem Nick vielleicht haben könnte. Dazu ist anzumerken, dass der User, der die Flagge nutzt, niemals auch nur den Anschein gab, ein Skin zu sein.
  • Die Deutschen sind zu emfindlich was dieses Thema angeht, Rechte gäbe es überall und sind kein rein deutsches Problem.
  • Deutsche schätzen ihr Ansehen in der Welt schlechter ein, als es tatsächlich ist. Deutsche denken, sie würden sehr schnell nur auf das dritte Reich reduziert, obwohl dem gar nicht so ist.
  • Wir sollten offensiver mit dem Thema umgehen, nicht alles vor Angst verbieten sondern dem Thema direkt begegnen.

Die Argumente gingen weiter in diese Richtung und das Ende vom Lied war, dass die Flagge zwar nicht verboten wurde, der User sie aber nicht mehr nutzt, da die ihm die Verbindung zu Neonazis nicht recht war.

Die Diskussion auf der Seite sowie die derzeitige Diskussion hier in Deutschland zeigt unser eigentliches Dilemma. Das sind nicht die No-Go Areas oder die mögliche Aussenwirkung Deutschlands auf die Welt zur WM. Tatsächlich ist es unser Umgang bzw. Nicht-Umgang mit diesem Thema. Damit meine ich nicht die ganzen Anti-Rechts-Initiativen, sondern vielmehr den alltäglichen Umgang damit. Wir haben immer noch nicht gelernt, die rechten Umtriebe richtig einzuordnen und auf sie angemessen zu reagieren. Wie sonst lässt es sich die relative Stille zu dem Thema seit dem Einzug der NPD im sächsichen Landtag erklären? Wie sonst kann es zu diesen beinahe hysterischen Reaktionen nach dem Überfall auf Ermyas M. kommen?

Es ist doch so, am liebsten will niemand etwas davon wissen, dass es trotz unserer Geschichte trotzdem noch Faschisten in diesem Land gibt. Solange nichts passiert, kann man wegschauen und alles leugnen. Friede, Freude, Eierkuchen. Passieren dann kleine Zwischenfälle, wird mehr oder weniger geschwiegen. Es braucht dann schon einen großen Knall, und wir wachen panisch aus unserem Traum auf. Für ein bis zwei Monate, dann hat sich der Staub gelegt, und wir gehen wieder zur Tagesordnung über. Was wir endlich begreifen müssen ist, das Neonazis kein rein-deutsches Phänomen und inzwischen (leider) Alltag sind.

Das heisst jetzt nicht, dass man dagegen nichts tun soll. Natürlich soll man gegen den braunen Abschaum aktiv sein. Aber einmal im Jahr auf eine Gegendemo gehen reicht nicht. Im Alltag muss man dagegen halten, im täglichen Leben miteinander und untereinander. Rechte Schläger sollte man als das hinstellen, was sie sind: Verbrecher und ihre Verbrechen als Verbrechen und nicht als besondere Tat einer besonderen Gruppe. Wie gesagt, rechte Strömungen sind Alltag, und sollten auch als solche behandelt werden. Stellt euch vor, Nazis marschieren zu einer Demo auf, und kein Schwein interessierts, niemand geht zu einer Gegendemo, und sie taucht allerhöchsten als Randnotiz in einer Zeitung auf. Die derzeitige sporadische, aber dann intensive Berichterstattung bietet diesen Randfiguren nur ein willkommenes Podium: „Seht her, wir sind da, wir sind viele und wir kommen auch zu euch!“ Sie wollen uns Angst machen und wir spielen ihnen in die Hände, indem wir öffentlich diese Angst bekunden. Damit ist nicht Heye gemeint, er sprach nur nüchtern einen bekannten Fakt aus, um die Leute mal wieder aus ihren Tagträumen („Alles Einzeltäter“) zu holen.

Wenn wir begreifen, dass rechte Gewalt (leider) Alltag ist, und nicht immer wie die Hühner aufschrecken, hätten wir vielleicht mehr Zeit, uns wirksame Gegenstrategien auszudenken. Ein bisschen Gelassenheit würde bestimmt zu akzeptablen Lösungenansätzen führen.
Hier noch ein Auszug aus der Diskussion um die Flagge als Denkanstoß:

heh, the best way to strip a cause for their symbol is by diluting it.

if you were a neo-nazi, would you wear that symbol if everyone else thought it was cool?

(*)Ja, er ist Deutscher. Da ist mir Hautfarbe usw. total egal. Deutscher Pass = Deutscher. Easy oder?

[tags]Neonazi, Fremdenhass, WM, NPD[/tags]

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Discussion about this post

  1. Micha sagt:

    Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen! Lasst sie demonstrieren, protestieren wann und wo sie wollen. Die Presse und auch jeder andere darf nur keinerlei Interesse daran zeigen. Was bringt ne Demo die niemand wahrnimmt? Das ist wie der Krieg zu dem niemand hingeht :)

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