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Die Macht der Blogger

27. Februar 2007

Vor einigen Tagen hat Robert einen Artikel verfasst, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Er wollte auf die Frage antworten, ob sich Blogs bzw. Blogger nicht manchmal doch zu wichtig nehmen. Herausgekommen ist die anschauliche Beschreibung des Potentials, welches die Vernetzung der Menschen über alle physischen und psychischen Grenzen hin über Blogs und ähnliches bietet. Seine Grundannahme ist, dass jede Stimme wichtig ist und alle Stimmen in ihrer Summe eine ungeheure Macht haben und ausüben können. Er umreisst Szenarien und beschreibt Situationen, in denen Blogger Veränderungen anstossen oder gar erzwingen können.

Während ich der Theorie dem zustimme und auch das Potential wahrnehme, bin ich doch etwas skeptischer über die praktischen Auswirkungen.

Der Punkt, der mich am meisten skeptisch in die Zukunft blicken lässt, ist der Fakt, das Blogs immer noch von Menschen gemacht werden. Mit all ihren Fehlern.

Das fängt schon damit an, dass der Mensch, um mal abgedroschene Vergleiche zu bemühen, ein Herdentier ist. Ein Mitläufer. Ein Ja-Sager, solange er nicht unmittelbar und deutlich von irgendetwas betroffen ist. Dies führt dazu, dass viele ihre Stimme gar nicht erst erheben werden. Auch wird er sie nicht erheben, wenn er denkt, er zähle eh nicht. Und da kann man ihm noch so oft wie Robert sagen, „Deine Stimme zählt!“, nutzen wird er sie nicht. Vielleicht ein doofes Beispiel, aber wieviele Menschen gehen heute durchschnittlich noch wählen?

Was damit oft einhergeht ist, dass viele Menschen in ihrer eigenen kleinen Welt leben, und ihnen alles außerhalb ziemlich egal ist. Das sind dann die Blogs, die eigentlich mehr Tagebücher sind. So wie meins. Und das ist auch okay so.

Nur stellen wir uns jetzt mal vor, wir alle nutzen dieses Potential. Wir nutzen Blogs nicht nur als Selbstreferenz sondern auch um auf Fehler in unserer Umgebung, in der Welt aufmerksam zu machen. Und das macht dann jeder so. Und wir vernetzen uns, und kommunizieren. Was wird passieren? In dem Moment haben wir eine Riesenflut an Informationen und Meinungen. Und es wird genau das passieren, was immer passiert: Es wird sich alles auf bestimmte Punkte im Netz konzentrieren. Einfach aus dem Grund, weil wir automatisch anfangen zu filtern. Weil es zuviel werden wird. Niemand wird in der Lage sein, alles aufzunehmen. Also werden wir anfangen irgendwie die wichtigsten Sachen immer mitzunehmen, den Aufwand dafür aber in Grenzen halten. Denn bei allem Idealismus: Unser Tag hat nur 24 Stunden, in denen wir noch etwas mehr machen müssen, außer ein Thema mit all den dazugehörigen Meinungen zu durchleuchten und zu verstehen. Es wird also Hubs geben, die die Meinungen bündeln, das wichtigste für uns zusammenstellen, damit wir es einfacher haben. In einer idealen Welt werden diese natürlich frei von Beeinflussung sein und die Stimmen genau so widerspiegeln, wie sie in ihrer Masse vorkommen. Aber diese Ideale Welt gibt es nicht, denn an diesen Hubs werden auch nur Menschen mitwerkeln. Sei es dadurch, dass sie ein Thema bei digg einstellen oder anderes. Schon jetzt fangen wir an, Kategorien für die Relevanz von Themen zu erschaffen. Auch wenn Begriffe wie A-Blogger oder C-Blogger eher beiläufig fallen.

Zugegeben, Blogs haben jetzt schon die Macht, Firmen zu beeinflussen. Nicht nur Firmen innerhalb der gleichen „Grenze“, dem Internet, sondern auch außerhalb. Die Vernetzung trägt dazu bei, dass der Konsument gehört wird. Das ist wichtig, nicht nur, weil Missstände deutlich werden können, dass ist imo nur ein Nebeneffekt, sondern weil Firmen ein direktes, pures Feedback ihres Kunden erhalten. Aber wenn ich mir so vor Augen führe, wie die Säue manchmal durch „Kleinbloggersdorf“ getrieben wurden, dann wird mir schon Angst und Bange vor dem Moment, in dem eine Firma, ein Geschäft, zu Unrecht an den Pranger gestellt wird. Und das wird kommen. Mit der Verbreitung der Technologie unter den Menschen und der Vernetzung, werden Deppen dazukommen. Denn Deppen sind immer da. Und diese Deppen werden Mist bauen, unwahres Zeug schreiben, hetzen. Durch die Zunahme an Stimmen, durch die schiere Menge, werden wir irgendwann nicht mehr unterscheiden können: ist es nun wahr was der Kerl da über Firma XY schreibt oder nicht? Robert beschreibt es leider nur viel zu kurz:

Es gibt also keinen Grund, sich nicht wichtig zu nehmen. Damit man sich darüber im Klaren ist, dass man sehr wohl etwas bewirkt und lernen werden muss, Verantwortung für sich und Dritte zu tragen. Das erste fällt schon schwer, das zweite ist …puhh…

Mit Macht kommt Verantwortung. Hört sich blöd an, ist aber so. Wer wird die Verantwortung übernehmen, wenn eine Sau eine Woche lang zu Unrecht durchs Dorf gejagt wird? Man kann da einfach nicht an den gesunden Menschenverstand appellieren, der setzt leider viel zu oft aus. Ich kenne, wenn überhaupt, nur die deutsche Blogszene, sie ist „relativ“ klein und schwarze Schafe werden schnell bemerkt, bzw. ignoriert. Noch wirkt die selbstreinigende Kraft der Vernetzung. Doch je lauter das Rauschen wird, umso schwieriger wird es.

Ob Blogs jedoch politisch etwas bewegen werden? Ich glaube für Politiker haben Blogs die gleiche Wirkung wie Umfragen. Wenn sie sie denn wahrnehmen. Da wird sich denke ich nicht soviel ändern. Was den politischen Meinungsaustausch untereinander angeht wird es sich wie bei den Stammtischen in der Kneipe entwickeln, es werden sich Lager bilden. Ob man Menschen durch Blogs politisch beeinflussen kann? Sicherlich, aber da alle Meinungen mehr oder weniger vertreten sein werden, wird sich an der Wirkung auf den Menschen nicht soviel ändern. Denke ich, aber ehrlich gesagt, hier bin ich mir auch nicht soooo sicher. Wer weiss.

Was ich aber weiss ist, dass sich durch die Zunahme der Meinungen, des Rauschens und der Vernetzung auf jeden Fall der Umgang untereinander ändern wird. Wir sind schliesslich nur Menschen. Exemplarisch seine hier nur die Exzesse erwähnt, die manchmal bei Marcels Parteibuch abgingen. Und das wird schlimmer werden. Das Internet macht es halt sehr einfach zu trollen. Man wird nicht erwarten können, dass man sich immer auf einem gewissen Niveau unterhalten wird.

Eigentlich wollte ich die These aufstellen, dass Blogs in ihrer Gesamtheit einen Querschnitt unserer, besser aller Gesellschaften, darstellen (werden). Doch dies wird nur ein frommer Wunsch bleiben, denn nicht alle wird diese Vernetzung erreichen. Und nicht alle ist untertrieben: Viele! Trotzdem bleibt meine Schlussfolgerung, dass Blogs am Ende unter den Fehlern leiden werden, unter denen auch wir Menschen leiden. Nicht nur Charakterstärken sondern auch Schwächen werden Blogs prägen, so dass ich am Ende eben kein freies Utopia sehe (okay zu hart, soweit ist Robert ja auch nicht gegangen), sondern nur unsere jetzige Welt in anderer Form.

Ich kann einfach nicht glauben, dass Blogs uns signifikant weiterbringen, unsere Situation entscheident verbessern. Dazu bin ich vielleicht zu zynisch.

Ich nehme mir nicht heraus, hier Recht zu haben.

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