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Die nette Fassade des Rainer Fromm

30. Dezember 2007

Als ich gestern den Mitschnitt der Podiumsdiskussion beim 24C3 gesehen habe, hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl. Mir war nicht wirklich klar, was Herr Fromm tatsächlich will, worauf seine Reportagen und auch seine eigenen Aussagen abzielen. Vieles war sehr diffus und widersprach sich auch teilweise. Doch inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, was er will, der studierte Politologe, der ja so engagiert gegen Sekten, Neonazis und gewalthaltige Videospiele (von ihm so in Zusammenhang gebracht) vorgeht: staatliche Zensur.

Der Vortrag steht unter der Frage, ob Spieler Kriegsspiele oder auch gewalthaltige Videospiele überhaupt brauchen oder wollen. Ob solche Spiele notwendig sind. Dies ist eine interessante Fragestellung und sollte wirklich stärker diskutiert werden, wird sie in Teilen der Community auch schon. Jedoch ist sie eher philosophisch zu betrachten. Denn am Ende muss jeder Spieler für sich selber entscheiden, ob er ein bestimmtes Spiel kauft, oder eben nicht. Doch Rainer Fromm geht es aber nur vordergründig um die Diskussion innerhalb der Spielergemeinschaft, viel eher wünscht er sich, dass Spieler Zensurmassnahmen abnicken.

Denn der Vortrag fängt schon mit einem Hammer an, als Herr Fromm behauptet, dass die freiwillige Selbstkontrolle der Videospielindustrie gescheitert sei. Später im Video präzisiert er diese Aussage, in dem er sagt, dass es ja immer noch Kriegs- und Gewaltspiele gibt. Dabei zeigt Herr Fromm ein totales Missverständnis darüber, was die freiwillige Selbstkontrolle bei Spielen wie aber auch bei Spielfilmen eigentlich bezweckt: Den Schutz von Jugendlichen vor Inhalten, die für sie nicht bestimmt sind. Ergo Alterskontrolle. Er glaubt jedoch, dass die freiwillige Selbstkontrolle ein Instrument der Zensur bzw. Selbstzensur sei. Dabei spricht er gar nicht so sehr von klassischen Egoshootern, sondern vor allem von Strategiespielen, die Szenarien des zweiten Weltkriegs beinhalten, zum Beispiel die Schlacht um Stalingrad. Er postuliert, dass es unserer Wertekultur widerspricht, wenn man die Möglichkeit hat, die deutsche Seite im zweiten Weltkrieg spielen zu können und damit einer Art Geschichtsrevisionismus zu frönen, wobei ich dahingestellt lassen möchte, ob man mit spielen wie Sudden Strike tatsächlich Geschichtsrevisionismus betreibt, ich habe es zumindest noch nie so wahrgenommen. Seine Kritik an Strategiespielen ist auch recht diffus. Zum einen findet er es obszön, wie realistisch der Krieg zum Beispiel in C&C:Generals dargestellt wird, mit all den schmutzigen Begleiterscheinungen wie ABC-Waffen oder Selbstmordattentätern. Andererseits widert es ihn an, wenn in Strategietiteln die Kriegsverbrechen ausgeblendet und die Kriegshandlung als „sauber“ dargestellt wird.

Er sieht sich selbst also in einer Art humanistisch-freiheitlichen Position, die solcher Art Videospiele diametral gegenübersteht. Unterschwellig fordert er damit Zensur. Und genau damit verrät er sich. Im Grunde lehnt er sich ganz stark an das an, was vor einiger Zeit schon einmal die Schlagzeilen bestimmt hat: Das Wort Leitkultur. Er spricht es nicht direkt aus, ich verstehe ihn jedoch so. Herr Fromm glaubt, dass Videospiele mit dem von ihm kritisierten Inhalt ob unserer Werte verboten werden müssen, bzw. die Hersteller und Publisher sich selber beschneiden sollten. Damit stellt er, der sich als humanistisch-freiheitlich denkender Mensch begreift, sich diametral gegen meine Auffassung von Humanismus und Freiheit. Denn eine freiheitliche Gesellschaft kann gar keine Leitkultur haben. Leitkultur würde bedeuten, dass sich jeder einer bestimmten Moral und Ethik quasi unterwirft. Dies ist aber der krasse Gegensatz zum humanistischen und freiheitlichen Denken und Leben. Unserem Leben sind durch das Grundgesetz und andere Rechtsgrundlagen Grenzen gesetzt, in denen wir uns frei bewegen können und dürfen. Dieser Freiraum jedoch muss auch frei bleiben, und dazu gehören auch Videospiele, über deren moralische Fragwürdigkeit man sich zum Teil bestimmt streiten kann, aus der man aber keine Verbotsleitlinien ableiten kann. Denn Moral ist sehr oft etwas hochpersönliches. Was ich als moralisch integer bezeichne, kann der nächste schon wieder verwerflich finden. Daher ist es unmöglich und nicht lauter, aus der moralischen Position einiger grundsätzliche Regeln abzuleiten. Da die geforderten Einschränkungen von Herr Fromm vor allem auf seinen persönlichen Moralvorstellungen (sehr oft spricht er von „Ich muss das nicht haben“ etc.) basieren, zeigt er sich dann doch alles andere als ein humanistisch-freiheitlich denkender Mensch. Zensur und Freiheit sind eben Gegensätze, die sich nicht vereinbaren lassen. Natürlich meint er es wahrscheinlich gut, einige Punkte kann ich nachvollziehen, aber und gut gemeint ist eben das Gegenteil von gut gemacht.

Jedoch kann man auch weniger philosophisch dagegen argumentieren. Denn der Jugendschutz und mit ihr die freiwillige Selbstkontrolle liegen im ureigensten Interesse der Publisher. Man muss sich die Situation vor USK vorstellen. dort konnte ein Spiel nur indiziert oder freigegeben werden. Dazwischen gab es nix. Wenn ein Spiel also nur für Erwachsene zugänglich gemacht werden durfte, wanderte es direkt aus den Regalen etc. Das bedeutete massive Umsatzeinbussen für die Publisher. Durch die Selbstkontrolle der USK kann ein Spiel jetzt eine rote Plakette bekommen, und damit noch im Laden stehen und trotzdem Jugendlichen legal unzugänglich sein. Eine funktionierende Selbstkontrolle liegt ergo im wirtschaftlichen Interesse der Hersteller.

Apropos legal. Es ist bezeichnend, dass sich Herr Fromm um die Frage drückt, ob die Spiele, die er vor sich liegen hatte, tatsächlich von Kindern legal zu erwerben wären. Ein weiteres Indiz dafür, dass es ihm eben nicht um die vernünftige Diskussion um Sinn und Unsinn geht, sondern vielmehr um einen polemischen Kreuzzug. Dass die Marketingabteilungen der Publisher ihm dabei aber auch noch in die Hände spielen ist schon böse. Dass Herr Fromm jedoch von expliziter Werbung, die auch in anderen Wirtschaftsbereichen oft genug die Grenzen des guten Geschmacks sprengt, auf den schlussendlichen Inhalt der Spiele schliesst, zeigt, mit wieviel Augenwischerei er arbeitet.

Und der Rest? Im Grunde bringt er immer noch die selben oftmals widerlegten Argumente, zitiert Indizierungstexte von Spielen, die teilweise über 10 Jahre zurückliegen. Er mokiert sich über den Chauvinismus in Duke Nukem 3D, ohne dabei in Betracht zu ziehen, dass das Spiel und der Protagonist vielmehr eine herbe Parodie auf den Männlichkeitswahn der diversen Actionreißer Hollywoods Ende der 80er, Anfang der 90er mit Hauptdarstellern wie Schwarzenegger, Stallone oder Van Damme war. Dass Herr Fromm für Kritik weiterhin nicht empfänglich ist, zeigt seine wiederholte Kritik an der Nichtindizierung von Sequels, die ich hier schon zu widerlegen versuchte und bei Stigma-Videospiele noch detaillierter auseinander genommen wurde (Punkt 2 und 4).

Zu guter Letzt ist es enttäuschend, dass Herr Fromm vom CCC ein weiteres Podium für seinen Feldzug zur Verfügung gestellt bekommen hat. Aber der CCC hat es wenigstens versucht.

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3 Discussion to this post

  1. Jürgen Mayer sagt:

    Ich hatte und HABE Während dieses Vortrages nicht nur ein mulmiges Gefühl, sondern zittere noch immer wenn ich an diese verlogene Heuchelei mir vorher unbekannten Ausmaßes nur denke. Und sie beschäftigt mich noch immer: einem Titel der sich mit dem regulären Vietnamkrieg auseinander setzt vorderhand „Revisionismus“ zu unterstellen bedeutet entweder, dass man nicht weiß was „Revisionismus“ bedeutet, oder aber kommt schon einer regelrecht absurden Leugnung militärischer Konflikte gleich.

    Die einzige Frage welche sich mir dabei stellt ist jene, weshalb Herr Fromm meint, dass sich Computer- und Videospiele nicht angemessen mit Krieg und Gewalt auseinander setzen könnten?
    Ansonsten sind seine sämtlichen Ausführungen auf dieser Veranstaltung indiskutabel und verantwortungslos.
    Als Historiker bin ich erschüttert darüber wieviel Zustimmung so jemand in Deutschland erhält, noch dazu wenn er Computer- und VideospielerInnen die gewillt sind sich in ihrer Kulturform mit militärischen Konflikten zu beschäftigen mit TeilnehmerInnen an rechtsextremen Parteiveranstaltungen kurzschließt – zumal die Kulturform Videospiel in Deutschland als einzigem mir bekannten Land der Welt gar nicht anerkannt ist. Es sind jedenfalls keine freiheitlich-demokratischen Vorstellungen, welche Kulturformen von Menschen nicht anerkennen.
    Abgesehen von diesen völlig aus der Luft gegriffenen ideologischen Unterstellungen bin ich als Mensch mit Behinderung besonders sensibel wenn es um Diskriminierung anderer geht, und diesbezüglich finde ich den Vortrag von Herrn Fromm sogar besonders perfid und meine, dass er den vor sich hergetragenen Vorwurf der Menschenverachtung bezogen auf Computer- und Videospiele eher umgekehrt gegen sich selbst richten sollte: seine Ausführungen über Kriegsverbrechen, dem Mythos sauberer
    Kriegsführung und kontemporäre Sicherheitspolitik als „diffus“ zu bezeichnen ist eine Untertreibung. Es ist offensichtlich, dass Herr Fromm Computer- und Videospiele, egal ob kompetitiv oder narrativ, wie etwas Playmobil als Kriegsspielzeug begreift. In einer gerechten Welt sollte JEDER Gamer sich dabei angegriffen und beleidigt fühlen, sowie zivilrechtliche Schritte gegen Herrn Fromm unternehmen wollen, anstatt diesem vielleicht noch Recht zu geben und sich ob dessen indoktrinierender Ausführungen, die schon an einen Manfred Spitzer gemahnen, noch ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen.
    Wider der Tyrannei des angeblich guten Geschmackes!

    Denke dieser Veranstaltung in meiner zukünftigen Dissertation in Graz zum Thema Wahrnehmung von Computer- und Videospiele(rInne)n in Deutschland breitem Raum zu geben.

  2. […] mir einen echten Kotzreiz beschert. Damit geht man in eine ähnliche Richtung wie sie schon der Wanderprediger Rainer Fromm haben möchte. Der Staat wird zur Sittenpolizei. Es wird echt Zeit, dass Videospiele allgemein […]

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