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Ignorance is bliss

30. Oktober 2011

Es ist eigentlich kam zu glauben, ber es gab mal eine Zeit, da war es eher unerheblich zu wissen, wer eigentlich hinter dem Nickname steckt, mit dem sich gerade im IRC unterhält. Der Gegenentwurf zur Post-Privacy sozusagen.

„A/S/L“ war zumeist die weitestgehende verfügbare Information zur Person. Mehr war auch nicht nötig. Ich spielte mit mir nach heutigen Maßstäben unbekannten Menschen auf Quake-Servern und alberte mit ihnen in Chaträumen des Quakenets herum.

Dabei kam es nur auf das offensichtliche Verhalten des Menschen an, vieles, was uns sonst in dieser Welt von einander trennt, war bedeutungslos. So lernte ich viele Leute ohne ansehen der Person kennen, die mir sonst wohl nie über den Weg gelaufen wären. Und mit denen ich sonst wohl auch nie in Kontakt getreten wäre.

So lernte ich über Quake und IRC einen Taubstummen kennen, wobei ich erst lange Zeit später von der Behinderung erfuhr. Natürlich wäre mir dies auch sonst egal gewesen, aber die relative Anonymität und egalisierende Kraft des Netzes ermöglichten es ihm, wie jeder andere Mensch aufzutreten.

Das Netz hat die Macht, uns gesellschaftliche Grenzen durchbrechen zu lassen. Es ist allerdings eine irrige Annahme zu glauben, dass das Netz diese Grenzen auch endgültig wegwischen würde.

Mit Blick auf unsere Geschichte wird klar, dass dies nur die Aufklärung schaffen kann und das Internet nur ein Mittel dazu ist, wenn auch das bisher Beste. Jedoch scheinen Post-Privacy-Befürworter und Netz-Evangelisten in schöner Regelmäßigkeit das Mittel mit dem Ziel zu verwechseln und der Annahme zu erliegen, das Netz wäre die Aufklärung schlechthin.

Das Gegenteil aber ist der Fall. Das Netz ist ambivalent und kann grundsätzlich für alle Zwecke eingesetzt werden. Darin unterscheidet es sich nicht im geringsten von anderen Mitteln der Erkenntnis. Auf jedes „Die Entstehung der Arten“ kommt mindestens ein „Die Weisen von Zion“.

Und dies ist nicht bloß eine theoretische Behauptung. In den USA hat sich die reaktionäre. zu großen anti-aufklärerische Tea-Party-Bewegung vor allem im und durch das Netz gebildet. Anders Breivik hat seine Motivation auch aus xenophoben Blogs erhalten. Zu sagen das Netz hätte vor allem überwiegend positive Effekte und daraus auch noch weitergehende Schlüsse zu ziehen, ist bestenfalls naiv und realitätsfern.

Der Gedanke, Post-Privacy könnte uns potentiell zumindest schrittweise näher zu einer offenen Gesellschaft führen, ist zu idealistisch und ohne Blick auf tatsächliche Gegebenheiten gedacht. Auf den ersten Blick gefällt auch mir die Vorstellung, dass es uns langfrisitig befreit, wenn wir mehr voneinander wissen. Aber die Rechnung geht schon im Kleinen nicht auf. Das Internet würde dann tatsächlich zum Dorf werden, denn im Dorf da kennt man sich.

Doch wie sieht das dörfliche Leben, wenn man vieles voneinander weiß? Ich persönlich fand es sehr einengend und oft einfach nur hinterfotzig (for the lack of a better word). Informationen über Dorfbewohner verbreiten sich schneller, das eigene Leben ist ob des engeren Zusammenlebens für andere offener. Die Nachteile sind aber bekannt. Verstösst man sich gegen dörfliche Normen findet man sich ganz schnell in einer Siuation der Ausgrenzung wieder. Die Ablehnung tritt einem allerdings nicht direkt gegenüber sondern hinter vorgehaltener Hand. Als Metalhead in einer katholischen Kleinstadt aufzuwachsne hat mich da einiges gelehrt.

Ähnliche Effekte sind doch auch im Netz zu beobachten, die die Realisierbarkeit von Post-Privacy deutlich in Frage stellen.

Wir glauben von uns in einer halbwegs aufgeklärten Gesellschaft zu leben. Die sogenannten progressiven Netizens noch viel mehr. Da ist auch ein schwuler Aussenminister kein Problem. Doch als über Twitter et. al. die Kritik an Westerwelle immer weiter anschwoll, mischten sich ziemlich schnell und massiv homophobe Subtexte darunter.

Netzeffekte verstärken nicht nur Freiheitsbewegungen in repressiven Staaten oder Proteste gegen Abmahnwellen hier in Deutschland, sie verstärken auch die Verbreitung von Vorurteilen und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Der Streisand-Effekt kennt keine moralischen Maßstäbe.

Als Julia Schramm zwei Mal in einer größeren Öffentlichkeit im Netz über das Thema Post-Privacy sprach/ schrieb, waren Teile der Reaktionen vorhersehbar. Denn sie attacktierten ihre Ideen nicht auf einer sachlichen Ebene, sondern sie persönlich. Sie sprachen ihr aufgrund ihres Geschlechts, ihres Aussehens oder ihres Alters jegliche Relevanz ab. Der Shitstorm war gewaltig.

Die Prämisse von Post-Privacy ist, dass wir uns dadurch verändern. Wir Akzeptanz und Verzeihen lernen werden, weil sich schlussendlich jeder angreifbarer macht. Dies kommt aber einem digitalen Nichtangriffspakt gleich. Mutual assured destruction. Ein wirklich freies Leben verspricht das nicht. Erzwungener Konformismus wäre die Realität. Und es gäbe keine Großstadt, in die man davor flüchten könnte.

So wenig wie ich mir heute ein Leben ohne Netz vorstellen kann, eine Zukunft, in der das Netz fast alles über jeden erfahren lässt, macht mir Angst und schreckt mich ab.

TLDR; Zuerst kommt die Aufklärung, dann die Post-Privacy. Vice Versa klappt nicht.

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