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Jugendschutz ad absurdum

7. August 2007

Man bekommt es hier ja manchmal mit, dass ich ein begeisterter Videospieler bin. Jahrelang am PC, inzwischen an 4 Konsolen. Da mein Lieblingsgenre schon immer der 3D-Shooter war, hatte ich schon früh Bekanntschaft mit den deutschen Jugendschutzbestimmungen gemacht. Umso froher war ich über die Neuregelung des Jugendschutzes im Bezug auf Videospiele im Jahr 2003. Musste man vorher immer beten, dass die BPjS – Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften – (heute BPjM – Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) nicht zuschlug, lehnte sich das neue System mit den rechtlich verbindlichen Altersfreigaben der USK – Unabhängige Selbstkontrolle stark an das Freigabesystem für Filme und Fernsehen an. Ich war zwar inzwischen Erwachsen, also nicht mehr direkt betroffen, doch bestand die Hoffnung, dass die indirekten Einschränkungen, wie Quasiverbote und geschnittene Fassungen, der Vergangenheit angehören würden. Diese Hoffnung habe ich jedoch seit einiger Zeit aufgegeben, der aktuelle Fall rund um „The Darkness“ bringt das Fass zum Überlaufen.

Das Jugendschutzkonzept für Videospiele
Um dies jedoch genauer erläutern zu können muss ich etwas ausholen und das Konzept, welches zur Zeit mit der USK, der BPjM und den Alterskennzeichnungen aktiv ist, erklären. Vor allem auch deswegen, weil dort viel Halbwissen herrscht.

Die USK bewertet Videospiele vor ihrem Erscheinen. Den genauen Prozess kann man hier einsehen. Am Ende des Prozesses steht die Entscheidung über eine Alterskennzeichnung. Diese Entscheidung ist rechtsverbindlich, das heisst, auch der Einzelhandel muss sich unter Strafandrohung daran halten, analog zum Film. Die Rechtsverbindlichkeit schliesst aber auch mit ein, dass die Entscheidung der USK endgültig ist und von keiner anderen Instanz ausser Kraft gesetzt werden kann, es kann also auch nicht mehr indiziert werden. Mit einer Ausnahme: Strafrechtsrelevante Inhalte. Dazu aber später mehr.

Insgesamt gibt es fünf Alterskennzeichnungen. Bis „Freigegeben ab 16 Jahre“ ist das ganze relativ klar. Sobald ein Spiel die Wertung „Keine Jugendfreigabe“ erhält bedeutet dies jedoch kein Verbot. Dieses Kennzeichnen sagt nur, dass dieses Spiel nicht an Minderjährige verkauft werden darf. Es darf frei ausgestellt werden, Werbung ist auch möglich. Verweigert die USK jedoch selbst diese Kennzeichnung, setzt der Ärger an. Im Fall der Verweigerung darf die BPjM – durch Anzeige einer Privatperson oder durch Zuruf von Jugendämtern etc. – tätig werden. Normalerweise folgt die Indizierung, in seltenen Fällen sogar das Verbreitungsverbot.

Indizierung, Verbot, Strafrechtsrelevant
Wenn die BPjM ein „negatives“ Urteil über ein Spiel fällt, kommen diese entweder auf die Liste A oder die Liste B. Liste A bedeutet Indizierung. Entgegen mancher Meinung ist dies aber eben nicht mit einem Verbot gleichzusetzen. Es bedeutet nur, dass dieses Spiel nicht beworben oder offen ausgestellt werden darf. Der Verkauf ist an volljährige Menschen ohne Weiteres erlaubt. Unter dem Ladentisch eben. Dass dies gerade bei den großen Ladenketten à la Saturn einem de facto Verbot gleichkommt, ist wahrscheinlich ein gewünschter Nebeneffekt. Spezialisierte Händler wie Gamestop/ EBGames oder der Onlinehändler okaysoft.de können indizierte Titel meist problemlos liefern bzw. verkaufen. Die allermeisten Spiele landen auf der Liste A, nur in seltenen Fällen wird die Liste B bemüht.

Die Liste B bedeutet ein Verbot. Spiele landen dort, weil sie strafrechtsrelevante Inhalte haben. Das Verbot bedeutet, dass die Titel nicht vorrätig gehalten und verkauft werden dürfen. Das heisst kein deutscher Händler darf dieses Spiel überhaupt im Laden haben. Auch der Import bzw. Export sind verboten. Nur besitzen darf man das Spiel. Und zwar genau ein Mal. Sobald man zwei Ausgaben des Spiels zu Hause liegen hat, macht man sich schon strafbar, denn man hält es vorrätig, wodurch eine Weitergabe möglich wäre. Verboten werden Spiele gerne auf Grund der Paragraphen:

Also wegen Hakenkreuzen im Spiel oder krasser Gewaltdarstellung. Letzteres fand vor allem vor 2003 Verwendung, soweit mir bekannt ist wurde nur das Spiel Manhunt danach noch auf Grundlage des §131 verboten, dort aber auch sofort beschlagnahmt. Der Nachfolger steht im Übrigen vor der Tür. $86a schlägt dann zu, sobald in einem Spiel Dinge wie Hakenkreuze, egal in welchem Kontext, vorkommen. Gutes Beispiel hierfür ist Return to Castle Wolfenstein.

Das deutschsprachige Ausland macht es jedoch möglich, diese Spiele trotzdem zu kaufen. Entweder man lebt nah an der Grenze, oder man bedient sich Händlern wie gameware.at, die nah zur deutschen Grenze sitzen und die Pakete einfach auf einem deutschen Postamt aufgeben.

Selbstzensur und der Schwachsinn im System
Diese Regeln sind wohlbegründet, eindeutig und klar. Denkt man zumindest. In der Realität sieht dies aber gleich schon ganz anders aus. Berühmt berüchtigt ist das Werbeverbot für verbotene und indizierte Spiele. Mit einem gesunden Menschenverstand geht man davon aus, dass man eben keine Werbung dafür sehen wird. Tatsächlich wird aber ab dem Zeitpunkt der Entscheidung auch nicht mehr darüber berichtet. Dies liegt daran, dass deutsche Gerichte und Staatsanwaltschaften zum Teil eine sehr merkwürdige Interpretation der Gesetze vornehmen und selbst kritische Berichte als Werbung zum Spiel einstufen.

Auch die beiden genannten Paragraphen sind für mich als Spieler nicht wirklich befriedigend. $86a hat natürlich dann seinen Sinn, falls ein Spiel die Hakenkreuzflagge zur reinen Nazipropaganda nutzt. Dies ist jedoch bei Mainstreamspielen nie der Fall. Tatsächlich ist das Hakenkreuz selten mehr als ein Requisit für das Setting der Geschichte des Spiels. Ähnlich zu Filmen wie Indiana Jones. Zwar lehnt sich der Jugendschutz bei Videospielen an den von Filmen an, hier wird jedoch immer noch mit zweierlei Maß gemessen. Verbote wegen Gewaltdarstellung kommen zum Glück nur sehr selten vor, aber trotzdem habe ich hier Bauchschmerzen. §131 ist sehr schwammig formuliert, beschreibt nicht eindeutig, welche Gewaltdarstellung okay ist, und welche wiederum nicht. Hier ist es aber so, dass dies alle Medien betrifft. Auch Filme wie Hostel 2 oder Saw 3 sind bzw. waren davon betroffen. Ich find es immer noch traurig, dass der Staat in gewisser Weise den Moralapostel spielt und mir die freie Entscheidung abnimmt, aber wenigstens wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen.

Publisher wie Microsoft haben aber genauso ihre Probleme. Tatsächlich kommt es immer mehr zur Selbstzensur. Dabei spielen vor allem wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle. Oftmals lohnt es sich gar nicht, ein Spiel in Deutschland zu veröffentlichen, welches ohnehin mit einiger Wahrscheinlichkeit auf dem Index landet und somit die Umsatzzahlen begrenzt bleiben. So geschehen mit sehr guten XBox360 Titeln wie Gears of War, Crackdown oder Dead Rising. Dies sind alles keine Schmuddelspiele. Ganz im Gegenteil. Analog zum Film würde man sie wohl als Blockbuster bezeichnen. Obwohl es Jugendschutz heisst, schützt das System indirekt auch die Erwachsenen vor Spielen, die eigentlich eindeutig an sie gerichtet sind. Besonders ärgerlich wird es aber, wenn die Spiele in Deutschland erscheinen, aber geschnitten sind. Oftmals bekommen sie die Auszeichnung „Keine Jugendfreigabe“, sind aber trotzdem nicht in der Version spielbar, wie sie von den Entwicklern vorgesehen waren. Das führt zu so absurden Situationen, dass man einen Zweite-Weltkriegs-Shooter spielt, dort gegen die Deutschen kämpft, aber im gesamten Spiel keine deutsche Flagge oä. sieht. Oder, wie bei Quake 4, der Multiplayermodus verkrüppelt ist. id software/ Activision haben Quake 4 auf den deutschen Markt angepasst. Nun werden solche Shooter gerne aber auch mal gegen Leute gespielt, die eben nicht in Deutschland sitzen. Hier nicht möglich, da die deutsche mit der internationalen Version nicht kompatibel ist. Mir ist es auch nicht möglich, die Onlinefunktionen von Gears of War zu nutzen.

The Darkness
Das alles ist nicht neu, ich habe mich immer wieder geärgert, aber dank okaysoft.de konnte ich bisher jedes Spiel das ich wollte im Original spielen. Ein neuer Titel, The Darkness, macht mich jedoch wütend. Das Spiel sollte in zwei Versionen für die Xbox360 erscheinen: Uncut und geschnitten. Die Uncut Version wurde jedoch verboten, in diversen Foren wird schon von einer Beschlagnahmung gemunkelt. Der Grund: das Spiel basiert auf einer Comicreihe, deren einzelne Teile man sich in Bonusmissionen freischalten und anschauen kann. In einem dieser Comics ist ein Hakenkreuz zu sehen. Ein lumpiges Hakenkreuz in einer Comicgeschichte, die weit entfernt von jeglicher Nazipropaganda und noch nicht mal annähernd Hauptbestandteil des Spieles ist. Das muss man sich mal auf der Zuge zergehen lassen. Dani Levy kann für den Film „Mein Führer“ halb Berlin in Hakenkreuze einhüllen und muss (zurecht!) kein Verbot fürchten. Aber ein Videospiel wird deswegen verboten. Gleichzeitig wurde die geschnittene Version mit „Keine Jugendfreigabe“ gekennzeichnet. Das bedeutet nun folgendes: Das Spiel ist für erwachsene Freigegeben, ich muss aber eine geschnittene Version hinnehmen, in der nicht nur die Hakenkreuze fehlen sondern auch Teile des Gameplays stark verändert wurden. Nun platzt mir endgültig der Geduldsfaden, denn da die internationale Version verboten wurde, kann ich sie hier nichtmal unter der Ladentheke erwerben.

So werde ich zum ersten Mal ein Spiel in Österreich bestellen. Damit umgehe ich zwar deutsche Gesetze, aber was solls. Ich habe jahrelang Verständnis geübt, Verständnis gehabt. Denn im Grunde denke ich auch immer noch, dass unser Jugendschutz recht gut ist. Aber bei solchen Auswüchsen wird es auch mir zu bunt. Man merkt einfach, das Videospielen nicht zugestanden wird, dass Themen wie Gewalt oder das 3. Reich ähnlich in einem Kontext dargestellt werden können, wie dies auch bei anderen künstlerischen Medien wie Film, Musik, Malerei etc. der Fall ist. Das und die Bevormundung beleidigt mich einfach.

Inspiriert durch lange Erfahrung mit dem Thema wie auch den Artikel Manhunt 2 – Recht auf Blutrausch und den Kommentaren dazu.

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Discussion about this post

  1. […] zwei große Konsequenzen. Zum einen wurde das Waffengesetz verschärft, zum anderen der Jugendschutz im Bezug auf Videospiele strenger formuliert. Während immer noch auf das Verbot von “Killerspielen” […]

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