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Mit IP-basiertem öffentlichen Netz in die Zukunft?

6. Januar 2009

Auf FAZ.net findet sich ein Artikel (via Netzpolitik), der kurz den Systemwechsel skizziert, der Telekommunikationsfirmen im Bereich der öffentlichen Telefonnetze in den nächsten 5 Jahren bevorsteht. Dabei geht es darum, dass die Netze von Anbietern wie der Telekom, QSC oder Arcor komplett durch IP-Technologie ersetzt und damit traditionelle Telefonstrukturen via ISDN (analog ist quasi nicht mehr existent) abgelöst werden.

Die Zukunft soll dann so aussehen, dass wirklich jeder Kunde einen Breitbandanschluss bekommt und über die Datennetze der Anbieter dann Telefonie und Internet quasi in einer Box nutzen soll. Klar, das hört sich jetzt nicht so wild an, gibt es ja schon möchte man meinen. Tatsächlich ist aber so, dass bei einem klassischen DSL Anschluss das Telefonsignal immer noch das Trägermedium ist und erst im Amt getrennt und in das IP-Netz gesendet wird. Das wird sich grundlegend ändern, so dass der Kunde nur noch einen IP-Anschluss hat, auf dem dann zum Beispiel die Telefonie via VOIP, aber auch Dienste wie TV, aufsetzen.

Für den privaten Kunden ändert sich offensichtlich erstmal nichts, der Artikel bezieht sich auch mehr auf den wirtschaftlichen Aspekt, was schade ist, denn was für den privaten Kunden eigentlich okay ist, und mit dem einhergehenden VDSL-Ausbau auch verlockend, kann in anderen Bereichen zu Bauchschmerzen führen.
Ich weiss nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe, aber ich arbeite bei einem Anbieter für Telefonanlagen bzw. Kommunikationssysteme. Dort mache ich Störungsannahme und -bearbeitung. Die Anlagengröße reicht von klein bei der Apotheke um die Ecke bis hin zu riesengroßen Vernetzungen von Weltkonzernen. Bei Kleinanlagen sind meist Anlagenanschlüsse über NTBAs realisiert (2 Leitungen pro NTBA), bei Großanlagen klassischerweise Primärmultiplexanschlüsse, die pro Anschluss 30 Kanäle, sprich Leitungen, bündeln. Ein Primärmultiplexer entspricht der Bandbreite eines 2MBit SDSL Anschlusses. Große Systeme haben schon mal mehrere davon.

Was ändert sich also mit dem Systemwechsel? Bisher sind dies alles Punkt-zu-Punkt Verbindungen zum Provider. Ein Anschluss entspricht genau einem Port beim Provider, wo das Gespräch dann weitervermittelt wird. Das kann man sich vom Kunden bis zum Provider wirklich wie eine komplett durchgeschaltete Leitung vorstellen. Mit dem Wechsel auf reine IP Netze hat der Kunde dann vor Ort nur noch einen Router, der zum Kunden hin den altbekannten Anschluss bereitstellt, aber dahinter dann in das IP-Netz des Providers geht. Dabei können sich mehrere Kunden durchaus einen Port teilen. Von dort aus geht es dann in die Wolke. Auf der Leitung laufen dann alle Datenanwendungen des Kunden, klassischer Datenaustausch wie auch VOIP-Dienste. Es geht also um mehr als nur um den im Artikel dargestellten Ausbau der Leitungsnetze. Für Provider bringt es Vorteile wie flexiblere Lastverteilung, einfacheres Handling durch weniger Leitungen beim Kunden. Allerdings hat die Technik einige Probleme.

Unternehmen sind auf Telefonie angewiesen. Sie sind im hohem Maße davon abhängig, dass Telefonleitungen stabil und zuverlässig arbeiten. ISDN hat sich über die Jahre sehr bewährt. Es ist relativ unanfällig für Störungen und treten doch mal welche auf, sind sie relativ einfach zu protokollieren und wieder zu beheben. Sollte nicht gerade das Leitungsnetz beschädigt sein recht meist ein Neustart des Anschlussports und alles geht wieder. Vermittlungsfehler kommen innerhalb Deutschlands nach meiner Erfahrung sehr selten vor. Was öfters auftreten kann sind Vermittlungsfehler ins Ausland, wobei die Fehler meist im Ausland und ausserhalb des direkten Bereichs der Provider liegen.

IP macht den ganzen Kram ungleich komplizierter. Es fängt schon damit an, dass sich Voice und Datenverkehr dieselbe Bandbreite teilen. Da jedoch kleinste Störungen im Datenfluss (z.B. Packetloss) oder hohe Auslastung der Leitung den Sprachverkehr negativ beeinflussen, muss dieser priorisiert werden. Die Leitung muss ausserdem eine hohe Qualität aufweisen. Ist dies nicht der Fall kommt es zu sehr schlechter Sprachqualität, Hall, abgehackten Gesprächen und bei Packetlosswerten ab 3-4% ist Telefonie schon mal gestorben. Was für reinen Datenverkehr kein Problem darstellt, kann bei Voice schon einige Konsequenzen haben. Und die Fehler können überall auftreten. VOIP ist nicht so leicht zu protokollieren wie ISDN. Dadurch das Gespräche beim Provider in einer Wolke verschwinden ist die genaue Fehleranalyse mühselig. Überlastungen beim Provider können sehr leicht eine hohe Anzahl von Kunden betreffen.

Und das ist keine Zukunftsmusik. Heute gibt es schon einige Provider, die solche Anschlüsse anbieten und Kunden nehmen dies zum Teil gerne an, da die Kosten deutlich gesenkt werden können. Jedoch sind die skizzierten Probleme auch keine Zukunftsmusik. Ich habe quasi täglich damit zu tun. Für Privatkunden ist das alles nicht so schlimm, sie haben zur Not ja auch noch ein Handy. Für Unternehmen können sich die Pläne jedoch schnell zum Fiasko auswirken. Bleibt zu hoffen, dass dies alles Kinderkrankheiten sind. Wirklich glauben tu ich das aber nicht.

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