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Parallelgesellschaften

23. Juli 2007

Ein schweres Wort. Gesellschaften innerhalb der Gesellschaft, die sich vom Rest abgrenzen, zum Rest auch in Opposition gehen. Geprägt wurde der Begriff vor allem in Diskussionen, die sich um Terror, muslimische Einwanderer und Kulturkonflikte drehten. Immer vorne mit dabei: sogenannte freiheitsliebende Bürger, wie die vom Blog Politically Incorrect.

Die Selbstbeschreibung lautet:

News gegen den Mainstream · Proamerikanisch · Proisraelisch · Gegen die Islamisierung Europas · Für Grundgesetz und Menschenrechte

Das lässt einen schon mal schlucken. Mag „Proisraelisch“ noch okay klingen und beweisst „Proamerikanisch“ noch einen gewissen Mut, bekommt man bei „Gegen die Islamisierung Europas“ schon Bauchschmerzen. Dass der selbstgesteckte Claim „Für Grundgesetzt und Menschenrechte“ nicht haltbar ist, zeigt sich hier in aller Deutlichkeit.

Die Einträge im Blog befinden sich oftmals hart an der Grenze des Erträglichen, drehen sich vor allem in den letzten Monaten um alles zum Thema Islam. Ergo alles was man den gegen den Islam aufbringen kann. Im Grunde wird dort aber nicht der Islam selbst angegangen, sondern vielmehr Gläubige. PI nutzt den Deckmantel Islamkritik, um hart an der Grenze gegen Immigranten zu polemisieren. Die Kommentare unter den Blogeinträgen sprengen diese Grenze jedoch noch. Man sieht die Glatze geradezu vor dem geistigen Auge, wie sie geifernd die paar Worte im Hirn zusammenkratzt und mit fetten Fingern auf der Tastatur eintippt.

Wenn es denn tatsächlich so wäre. In Wahrheit glaube ich, dass die dumpfe Glatze out ist. Wie sagt man so schön: Sie und ihr Anhang wie NPD sind nicht gesellschaftsfähig. Rechtes Gedankengut bewegt sich inzwischen sehr stark in die bürgerliche Mitte. Mit Schlagworten wie der Islamkritik. Dabei sind die Schlagworte austauschbar. Überspitzt gesagt: Würde das Hitler-Regime in der heutigen Zeit existieren, die Hetze gegen Juden würde als „Kritik am Jüdischen Glauben“ bezeichnet werden. Die Mittel sind dieselben. Es wird eine diffuse Angst vor einer größeren Gesellschaftsschicht erzeugt, davor, dass einem etwas weggenommen wird, der eigene Lebensraum. Der Claim „Gegen die Islamisierung Europas“ bringt dies unumwunden zum Ausdruck.

Und wie damals sind es eben nicht (nur) die äussersten Rechtsaußen, die applaudieren. In Zeiten, in denen auch die Mittelschicht Angst vor Verlusten hat, sind es gerade dessen Mitglieder, die am lautesten klatschen. Sie stimmen aber dumpfen Parolen einer NPD à la „Ausländer nehmen die Arbeitsplätze weg“ nicht zu, dass würde dem Selbstverständnis nicht entsprechen, man ist ja nicht rechts. Sie fallen auf die Suggestion eines Verlustes der Freiheit herein, welcher so im Grunde nicht existiert. Aber Angst macht hörig.

Das fällt natürlich noch um einiges leichter, wenn es dazu noch geschliffene Wortführer gibt, die Versuchen, die suggerierte Gefahr anhand von aus der Luft gegriffenen Zahlen sichtbar, geradezu greifbar zu machen. Und die Zugang zur Öffentlichkeit haben. So wie ein Udo Ulfkotte. Ulfkotte bekommt schon mal einen Auftritt bei einer CDU-Versammlung spendiert. Außerdem schreibt er Bücher. Viele Bücher, die jedoch auch gnadenlos ordentlich verrissen werden. Das ficht seine Anhänger jedoch nicht an. Ist doch jedwede Kritik an Ulfkotte schamlose linke Gutmenschenpropaganda. Stefan Herre ist so eine andere Figur. Betreiber von PI, hetzt er ordentlich gegen alles, was anders ist, nennt es dann Islamkritik oder so, und tritt dann schon mal bei Monitor auf. Wie kann man solche Leute nennen? Agitatoren? Demagogen? Alles wahrscheinlich noch viel zu nett. Trotzdem sind sie auch in Mainstream-Medien durchaus gerne gesehen. Das nennt sich dann Appeasement.

Mhm, begonnen habe ich aber mit Parallelgesellschaften. Der gemeine Deutsche denkt dann immer gleich an den Mann mit Rauschebart, der ihm den Döner zubereitet, und hat direkt Angst vor Anthrax oder Kofferbomben. Aber wie das Beispiel PI, Stefan Herre und Udo Ulfkotte hoffentlich zeigt, sollten wir doch viel mehr auf Parallelgesellschaften achten, die sich in unserem eigenen Kulturkreis bilden. Denn solche Kommentare kommen eben nicht von anonymen Internetskins, die am Anfang des Monats mit dem ALGII nichts außer Versaufen im Sinn haben. Das kommt von Menschen mitten in der Gesellschaft. Ich selbst habe solche Sätze schon von Menschen gehört, von denen ich das nie erwartet hätte. Deren Lebensumstände keinerlei Boden für rechtes Gedankengut liefern. Die sprechen von „Museln“ als ob es das normalste der Welt sei. Und gehen das Wochenende darauf noch auf Anti-Nazi-Demos. Das sind die Parallelgesellschaften, auf die man wirklich achten sollte.

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2 Discussion to this post

  1. […] Der Mann findet, dass einem “Ausländer raus” schon mal rausrutschen könne. Außerdem ist er “stolz ein Deutscher zu sein” und sagt dies “Jungen Freiheit”, einer Zeitung, die nur rein zufällig von der NPD empfohlen wird – diese begrüßt unter anderem, dass die Zeitung nun in Mügeln verteilt wird. Passt aber eigentlich, denn auch wenn Herr Deuse Mitglied der FDP ist (unfassbar oder?), steht er doch als Symbol für ein Städtchen, dass bei der letzten Landtagswahl mal eben 10% für die NPD erreicht hat. Damit stehen er und sein Dorf einfach exemplarisch für die Tatsache, dass glatzköpfige Spassten das kleinere Problem der braunen Seite sind. Es sind die “normalen” Menschen, auf die man Acht geben muss. […]

  2. […] Das war schon kein Knall mehr. Die Frau stand neben einem Atompilz und hat ungerührt weiter geträumt. Aber über diese rechte Gedankenscheiße, die sich auch bei Menschen, die anscheinend in der Mitte unserer Gesellschaft befinden, ins Hirn gefressen hat, habe ich ja schon mal wann anders geschrieben. […]

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