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Roger Waters – The Wall – Berlin

20. Juni 2011

Natürlich kannte ich die Show vorher schon. Also ihr Grundkonzept. Über die erste Hälfte wird eine Mauer zwischen die Band und das Publikum aufgebaut, die gegen des Ende des Konzerts einstürzt. Damit gingen Pink Floyd schon vor über 30 Jahren auf Tour, bis heute eines der größten Konzertereignisse aller Zeiten. Ich kannte auch die Aufnahmen von Roger Waters‘ Show an der Berliner Mauer 1990. So weit, so gut.

Aber was mich dann tatsächlich erwartete, damit hatte ich nicht gerechnet. Die schiere Größe überwältigte, die Videoprojektion liess mir die Luft weg. Es ist Waters Zorn, der aus dieser Show spricht. Zorn auf Ideologien, Zorn auf Kriegstreiber, Zorn auf sich selbst. Es ist weiterhin seine Abrechnung mit sich selbst, seinem 30 Jahre jüngeren narzistischen fucked up self (seine Worte), mit der Zeit, in der er aufgewachsen ist, den in seinen Augen faschistischen Erziehungs- und Lehrmethoden. Die Show ist jedoch ordentlich aktualisiert. Nicht nur in der Bewertung von Waters‘ jüngerem Selbst. Die Videoprojektionen halten allen Waters‘ gedachten Mittelfinger in die Fresse, die sie seiner Meinung nach verdient haben. Hitler, Bush jun. und Bin Laden. McDonalds, Apple und Daimler-Benz. Juden, Christen und Muslimen. Konsumwahn, zügellosem Kapitalismus und übervorsorglichem Staat.

Manchmal ist es pure Agitation. Wenn Waters den SS-Mantel überstreift, komplett mit roter Armbinde, und hysterisch in das Publikum kreischt… mir lief es kalt über den Rücken, Marilyn Manson’s Mickey-Maus-Faschist ist Nichts dagegen. Waters liefert immer starke Bilder. Er spielt „Mother“ im Duett mit seinem 30 Jahre jüngeren Selbst, ein Auftritt aus dem Earl’s Court zu London wird auf die Bühne projeziert und der Sound eingespielt. Dies geht nahtlos über in Bilder einer dominanten Mutterfigur (Big BrMother is watching you) und Spielereien mit dem Songtext – „Mother, should I trust the government?“ „No fucking way!“.


Leider nur kurz, bedankt euch bei der Stimme am Ende. Hier komplett aus London

Teile der Projektionen bestehen natürlich aus dem Film von Alan Parker, andere jedoch zeigen Kriegsopfer, Tyrannen und Friedenskämpfer. Sie zeigen Animationen mit den Mauerbausteinen, aber auch Videoschnipsel. Manches ist zumindest grenzwertig. Wenn zu „Run like hell“ Teile des von Wikileaks veröffentlichten Collateral Murder Videos in Übergroß zu sehen und hören sind, dann bleibt ein Kloß im Hals stecken.

Waters ist kein gepimperter Rockstar mit Weltverbesserungsattitüde. Die sanfte Diplomatie von Coldplay oder Bono geht ihm ab, vielleicht sogar auf den Sack. Er ist auch in seinem hohen Alter noch zornig und drückt einem das Gesicht lieber in die Scheiße ansatt nur den erhobenen Finger zu zeigen. All das macht The Wall 2011 zu einem wahnsinnigen, überwältigenden audio-visuellen Erlebnis.

Oh, und ja, da gab es auch noch Musik. Mal angesehen davon, dass es sich merkwürdig anfühlt, wenn nicht David Gilmour das Solo in „Comfortably Numb“ spielt, die Musik ist weiterhin über jeden Zweifel erhaben. Auch wenn es auf meiner Pink Floyd Top Alben Liste nur Platz 4 einnimmt, es gibt bis heute kaum etwas, das auch nur annähernd daran heranreicht. Der Sound in der O2 Arena war famos, solch eine großartige Klangkulisse habe ich ausserhalb eines Konzertsaales noch nie erlebt. Surroundsound während eines Rockkonzertes? Hell yeah!

Nach dem Klick noch 35 Bilder in chronologischer Reihenfolge, für einen kleinen Eindruck.

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