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Wir wollen es halt billig

14. Mai 2008

Der letzte LIDL-Skandal machte gerade erst seine Runde. Und schon da meldete sich Günther Wallraf zu Wort und sprach von den teilweise unwürdigen Arbeitsbedingungen, die bei Zulieferern des Discounters Realität sind. Leider viel zu spät lief gerade die Dokumentation „Wenn Arbeit weh tut“ auf dem Ersten – um 0:15, was für ein Sendeplatz – in der Wallraf für einen Monat bei einer Großbäckerei, die für LIDL herstellt, angeheuert hat. Dabei dokumentierte er mit versteckter Kamera wirklich schlimme Bedingungen für die Mitarbeiter (wie auch das Produkt). Überlange Schichten, teilweise lebensgefährliche Maschinen ohne Sicherungen, Schimmel an den Wänden, unregelmässige Bezahlung, verweigerte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Einschüchterung durch willkürliche Abmahnungen, hohes Verletzungsrisiko durch offene Maschinen und so weiter. Die Liste war lang. Der Stundenlohn betrug 7,66€. Das fertige Produkt, 10 Aufbackbrötchen, kostet bei LIDL 1,10€.

Nun möchte ich ja gerne glauben, dass das ein Einzelfall ist. Aber wenn man manche Preise bei Discountern, egal ob nun LIDL oder ALDI oder eben andere, anschaut, komme ich nicht umher zu glauben, dass solche Arbeitsbedingungen sehr oft in dem Umfeld vorkommen. Denn wie sonst kann so billig produziert werden? Dies ist kein einzelner Auswuchs sondern ein systemimmanentes Problem. Zum einen, weil wir es immer so billig wie möglich haben wollen, ohne zu Fragen, wer für unsere niedrigen Preise die Zeche zahlt. Aber ein größerer Teil ist hausgemacht. Weil die Kaufkraft zurückgeht und Discounter sich ihre Kundschaft quasi selber heranzüchten. Denn irgendwer muss für die billigen Waren arbeiten, wird aber, damit es billig bleibt, wenig verdienen. Also reicht das Geld gerade mal, um beim Discounter wieder einzukaufen. Des Weiteren drücken Discounter den Preis am Markt, an dem sich andere Handelsketten auch mehr oder weniger orientieren. Und so geht das Spielchen munter weiter. Konzerne wie LIDL oder ALDI reiben sich doch die Hände, wenn der Staat wieder irgendwo Sozialleistungen kürzt. Wer vorher zu REWE oder Edeka ging, muss nun zu den Billigheimern.

Ich bin kein Freund von den Discountern. Nicht weil ich es so dicke habe, dass ich mich nicht in die Armutstempel begeben muss. Aber je mehr ich dort spare, desto mehr muss ein anderer unter diesem System leiden. Und billig um jeden Preis brauche ich nicht. Ich gehe lieber zu meiner Gemüsehändlerin um die Ecke und zum Tante Emma Laden gegenüber.

Zurück zur Reportage. Das Nachspiel wurde dann in der nachfolgenden Spätausgabe der Nachrichten aufgelöst. So soll die Staatsanwaltschaft unter Anderem wegen Nötigung gegen den Firmeninhaber ermitteln. Das ist ein merkwürdiger Kontrast zu den Meldungen von heute, in denen das Wirtschaftsministerium vorschlägt, Langzeitarbeitslose dazu zu zwingen, „Gemeinschaftsarbeit“ als Gegenleistung für ihre Grundsicherung zu erbringen. Von 39 Wochenstunden ist das die Rede – zum Vergleich, ich arbeite 38 Wochenstunden. Langzeitarbeitslose würden dann quasi dazu genötigt, für lau mehr zu arbeiten als ich für mein Gehalt. Das hat man zu mancher Zeit schon einmal Zwangsarbeit genannt. Die Zulieferer für die Discounter stellen solch kostenlose Arbeiter sich gerne ein. Und die Discounter reiben sich bestimmt schon die Hände, kann man die Preise noch weiter drücken. Auf Kosten anderer.

Die Doku gibt es leider nicht online.

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